KINDESMISSBRAUCHLaufendes Gerichtsverfahren

Kontakt über TikTok: 22-Jähriger wegen Missbrauch eines Jungen angeklagt

Schon der Beginn des Prozesses gestaltet sich schwierig: Als das Gericht eintritt, ist der Angeklagte nur mit Mühe dazu zu überreden, sich wie alle anderen von seinem Platz zu erheben. Seinen Namen will er erst nicht nennen, und auf die Frage, wo er wohnt, antwortet er: „Mal da, mal da.“ Er lässt durch nichts erkennen, dass er um den Ernst der Lage weiß: Die Staatsanwaltschaft wirft dem in Handschellen vorgeführten 22-Jährigen den Missbrauch eines elfjährigen Jungen vor. Er bestreitet die Tat und scheint sich keiner Schuld bewusst zu sein, wie er mit seinem auffälligen, skurril anmutenden Verhalten unterstreicht.

24.09.2020, 17:45 Uhr

Die Hintergründe der Tat bleiben im Dunkeln: Nach der Verlesung der Anklage schließt die 2. Strafkammer des Landgerichts Bad Kreuznach die Öffentlichkeit zum Schutz des Angeklagten und des Opfers auf Antrag von Verteidiger Günter Urbanczyk aus, weil in der Verhandlung Details „aus den intimsten Lebensbereichen von beiden“ zur Sprache kommen, wie der Vorsitzende Richter Folkmar Broszukat nach längerer Beratung diesen Beschluss begründet.

Pornografische Videos ausgetauscht

Weil der gebürtige Mannheimer an einer schweren Persönlichkeitsstörung leiden und in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich gemindert sein soll, geht es vor Gericht auch um die Frage, ob er schuldfähig ist oder besser in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wäre. Mit entscheidend dafür wird ein Gutachten des Sachverständigen Dr. Ralf Werner (Bingen) sein, den der Angeklagte vor Prozessbeginn ebenso wie Staatsanwältin Christine Mossem abwechselnd anzusprechen versucht. „Das ist meine Show. Heute erlebt ihr mich so, wie ich wirklich bin“, verkündet er und verrät, „dass ich in meiner Seele immer ein Gangster bleibe“.

Nachdem der laut Anklage „erheblich vorbestrafte“ 22-Jährige erst wenige Tage aus der Haft entlassen war, soll er Ende März über das Internetportal TikTok Kontakt zu dem Jungen aus der Verbandsgemeinde Herrstein-Rhaunen aufgenommen haben. Er soll sich als gleichaltrig ausgegeben haben, mit dem Schüler die Mobilfunknummern ausgetauscht und sodann über WhatsApp kommuniziert haben. Dabei soll er den Elfjährigen dazu bewegt haben, ihm Nacktfotos und weitere pornografische Aufnahmen von sich zu schicken. Zudem sollen beide weitere pornografische Bilder und Videos, unter anderem Masturbationsfilme, von sich gemacht und diese ausgetauscht haben. Der Angeklagte soll das erhaltene Material auf seinem Mobiltelefon gespeichert haben.

Treffen an der Bushaltestelle

Laut Anklage hat er den Jungen im Chat zum Geschlechtsverkehr aufgefordert, der auf einem Hochsitz stattfinden sollte. Der Minderjährige habe dem zugestimmt und mit dem 22-Jährigen ein Treffen an einer Bushaltestelle vereinbart. Von dort ging es in den Wald, wo der Angeklagte den Jungen mehrfach aufgefordert haben soll, ihn zu küssen und sich auszuziehen. Dem sei der Elfjährige aber nicht nachgekommen. Der Angeklagte soll ihn sodann über der Kleidung „in eindeutig sexuell bestimmter Weise“ angefasst und ihn mindestens zwei- mal auf die Wange geküsst haben.

Vor Gericht redet und gestikuliert der Angeklagte ohne Unterlass, wendet sich reihum an die Anwesenden, kommentiert unter anderem Abläufe im Gefängnis, in dem er sich seit der Tat befindet, bis ihn der Richter schließlich zur Räson ruft. „Mir ist alles scheißegal“, verkündet der 22-Jährige daraufhin, bleibt aber ruhig. Der Prozess wird am 7. Oktober fortgesetzt. Dann soll entschieden werden, ob die Öffentlichkeit zumindest bei der Urteilsverkündung wieder zugelassen wird.

Von Kurt Knaudt

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