KINDESMISSBRAUCHVERHAFTETE TÄTER

„Ritualisierter Kindesmissbrauch”: Fünf Jahre Haft für 376 Delikte

2 Minuten Kassel : „Ritualisierter Kindesmissbrauch”: Fünf Jahre Haft für 376 Delikte KASSEL Susanne wird blass, als sie das Urteil des Kasseler Landgerichts wegen Kindesmissbrauchs gegen ihren Stiefvater hört. „Ich bin entsetzt, völlig entsetzt.” Das Gericht hat den 57 Jahre alten Arbeitslosen am Freitag zu fünf Jahren Haft verurteilt – ein halbes Jahr mehr als von der Verteidigung beantragt, zwei Jahre weniger als von der Anklage gefordert. Teilen Tweeten Weiterleiten Drucken VON CHRIS MELZER, DPA 376 Mal soll der Angeklagte Susanne, ihre Stiefschwester Angelika und ihren Bruder Norbert sexuell missbraucht haben. Das sind zumindest die Fälle, die nachweisbar und noch nicht verjährt sind. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hatten ergeben, dass die drei Kinder mehr als 4000 Mal Opfer des Familienvaters wurden. „Die Zahl der Fälle ist in der Tat ungewöhnlich. Wir haben es mit einer absoluten Ausnahme zu tun”, räumte auch Pflichtverteidiger Thomas Pausch ein. Der Staatsanwalt wurde deutlicher und sprach von „ritualisiertem Kindesmissbrauch”: „Nach dem Mittagsschlaf musste ihm jeweils ein Kind einen Kaffee ans Bett bringen. Der anschließende Missbrauch war Teil dieses Rituals.” Susanne, die Stieftochter, hatte vor Gericht ausgesagt, die Kinder seien zum Teil dreimal am Tag missbraucht worden, „jeder war mal dran”. „Ich war drei oder vier, als es losging”, sagte Susanne. Ihr Stiefvater habe ihr gedroht, sie erpresst, ihr zugeredet – „und dann fing er an”. 13 Jahre sei das so gegangen, doch über den Missbrauch gesprochen habe sie erst Jahre danach. Ihre Stiefschwester Angelika war so traumatisiert, dass die Ermittler sie höchstens zehn Minuten am Stück und nur bei laut laufendem Fernseher vernehmen konnten. „Ich leide noch unter psychogenen Krampfanfällen, arbeiten kann ich sowieso nicht mehr”, sagte die 30-Jährige. Die Mutter sagte aus, sie habe ihren damaligen Mann einmal nackt im Bett ertappt, eine Tochter davor. „Mir hat er gesagt, ich sei Schuld. Wenn ich ihm mehr zu Willen wäre, müssten ja nicht die Kinder ran.” Zur Polizei ging sie dennoch nicht. Vor Gericht versteckte sich der Angeklagte. Beide Prozesstage verbarg er sich hinter einer großen Sonnenbrille und einer Zeitung. Minutenlang stand er regungslos, bis er sich zum Verhandlungsbeginn setzen musste. Das tat er dann nur seitwärts auf den Stuhl, das Gesicht weggedreht. Für sein Geständnis ließ er die Öffentlichkeit ausschließen, das Publikum hörte nur zuletzt seine Entschuldigung: „Ich habe Mist gemacht, großen Mist. Das klingt lapidar, aber es tut mir wirklich leid. Da muss ich jetzt durch.” Die Richter hielten dem Angeklagten sein Geständnis, seine Alkoholsucht ( „ein bis zwei Flaschen Bacardi am Tag” ) und seine Kindheit zu Gute. Als Junge sei er selbst Opfer sexueller Gewalt geworden. „Außerdem hat er ansonsten trotz seiner problematischen Lebensverhältnisse keine Straftaten begangen. Diese Entgleisung war wohl die Suche nach Macht”, sagte Richter Jürgen Stanoschek. Eine Erklärung, die Susanne nicht reichte: „Ich bin fassungslos. Nur fünf Jahre? Wir leiden heute noch und werden es unser Leben lang tun.” Trösten konnte sie da auch nicht eine Prognose des Richters: „Der Verurteilte wird als Kinderschänder in der Haft einen sehr viel schwereren Stand haben als ein ehrbarer Betrüger oder ein Räuber.”

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