Laufendes Gerichtsverfahren

Sexueller Missbrauch unter Pfadfindern nach 30 Jahren vor Gericht

Baden-Baden

Von Sönke Möhl (dpa)

Do, 01. Oktober 2020 um 15:27 Uhr

Südwest

Vor über 30 Jahren soll ein Pfadfinder-Gruppenleiter Kinder und Jugendliche dazu genötigt haben, ein Mädchen zu vergewaltigen. Jetzt muss der Mann sich in Baden-Baden vor Gericht verantworten.

Ein Keller im Pfadfinderhaus, eine Art Streckbank, die Serienvergewaltigung eines Mädchens: Wegen des Verdachts einer kaum vorstellbaren Tat vor mehr als 30 Jahren steht in Baden-Baden ein 64 Jahre alter Mann vor dem Landgericht. Er soll als Gruppenleiter mehrere kindliche und jugendliche Pfadfinder zu den Vergewaltigungen genötigt haben. Der Tatzeitpunkt sei zwischen 1983 und 1987 gewesen und lasse sich nicht mehr genau eingrenzen, sagte die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklageschrift am Mittwoch. Das Opfer sei damals zwischen sieben und elf Jahre alt gewesen.

Die Kinder und Jugendlichen hätten nach der Tat einen “Pfadfinderschwur” leisten müssen, so die AnklageDer Angeklagte, ein kleiner Mann, heute mit Halbglatze, geschorenem Haarkranz und runder Brille, soll sein Opfer im Keller des Pfadfinderheims in Baden-Baden gezwungen haben, sich nackt auf einen Tisch zu legen, der einer Streckbank ähnelte. Anschließend habe er die Jungen der Reihe nach zur Vergewaltigung des Mädchens genötigt.

Nach der Tat soll der Mann alle beteiligten Kinder und Jugendlichen durch einen “Pfadfinderschwur” genötigt haben, niemandem von dem Geschehen zu erzählen. Das Opfer habe er später gelobt, “dass sie eine gute Pfadfinderin sei”, sagte die Staatsanwältin. Der Angeklagte ließ zum Prozessauftakt durch seinen Verteidiger erklären, dass er sich zunächst nicht äußern werde.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann zahlreiche weitere Missbrauchstaten an Kindern und Jugendlichen vor, die als “Pfadfinderübungen” getarnt waren, wegen Verjährung aber nicht mehr angeklagt werden können. Im Jahr 2000 hatte der Angeklagte außerdem einen Strafbefehl wegen mehrerer Sexualdelikte erhalten. Die angeklagte Tat ist nicht verjährt, weil die Verjährungsfrist von 20 Jahren bei Vorwürfen wie dem sexuellen Missbrauch von Kindern bis zum Ablauf des 30. Lebensjahres des Opfers ruht.

Der Anwalt des 64-Jährigen forderte zu Beginn der Verhandlung, das Verfahren einzustellen – wegen des alten Strafbefehls und weil die Anklage angesichts des nicht näher eingegrenzten Zeitraums, in dem die Tat stattgefunden haben soll, nicht konkret genug sei. Die Große Strafkammer wies die Anträge nach Beratung zurück. Der Strafklageverbrauch greife hier nicht, weil sich der Strafbefehl eindeutig nicht auf die angeklagte Tat bezogen habe, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer.

24 Zeugen sollen im Verfahren gehört werdenEin Zeuge beschrieb den Angeklagten als engagiert und aktiv. Nachdem er als junger Mann 1979 oder 1980 dazugestoßen war, habe sich die Zahl der Pfadfinder mehr als verdoppelt. Im Umgang mit den Kindern sei er “herzlich, aber in bestimmter Weise auch konsequent” gewesen. “Wir waren ein luschiger Haufen, bei ihm war es ein straffer Haufen”, sagte der 71 Jahre alte Zeuge. Bis zum 15. Oktober sind weitere drei Verhandlungstage angesetzt, 24 Zeugen sollen gehört werden.

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