KINDESMISSBRAUCH

Verdacht auf Kindesmissbrauch: Kirche suspendiert Kantor

Geesthacht – Die Gemeinde der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche hatte vor einer Woche von den Ermittlungen gegen den Mitarbeiter erfahren. Der Kontakt zu gemeindlichen Einrichtungen sei dem 44-Jährigen sofort nach Bekanntwerden der Ermittlungen untersagt worden, sagte Pastor Thomas Kärst am Montag. Dies gelte insbesondere für Kindergruppen, da der Beschuldigte mehrere Chöre geleitet habe. Der Kantor wurde aufgrund des schwerwiegenden Verdachts zunächst beurlaubt und schließlich suspendiert.

Der Kirchenvorstand sei über die Vorgänge “außerordentlich bestürzt”, sagte Kärst. Die zuständigen kirchlichen Stellen seien intensiv damit beschäftigt, die Vorwürfe zu untersuchen sowie Polizei und Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen zu unterstützen.

Inzwischen sind rund 600 Eltern von Kindern, mit denen der Musiker in den vergangenen Jahren Kontakt hatte, schriftlich über den Verdacht informiert worden. Zudem wird laut Kärst untersucht, ob es weitere Vorfälle gegeben haben könnte.

Der Skandal um sexuellen Missbrauch und Misshandlungen am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg nimmt indes immer größere Ausmaße an. Im Gespräch mit der “Berliner Zeitung” sagte der Rektor der katholischen Schule, Pater Klaus Mertes, er halte es inzwischen für möglich, dass die Zahl der Opfer dreistellig sei. Mertes zeigte sich offen für Entschädigungszahlungen an die Opfer wie beim Missbrauchsskandal an kirchlichen Einrichtungen in den USA. “Es wird über alles zu reden sein”, sagte Mertes.

Mertes hatte Berichte über sexuelle Übergriffe zweier Patres am Canisius-Kolleg in den Siebzigern und Achtzigern öffentlich gemacht, als er im Januar in einem Brief ehemalige Schüler der betroffenen Jahrgänge um Entschuldigung bat und dazu aufrief, “das Schweigen zu brechen”.

Wie Mertes sieht auch die Berliner Anwältin Manuela Groll, die mehrere Opfer vertritt, die Dimension des Falles wachsen. “Jeden Tag melden sich bei mir weitere Betroffene”, sagte sie der Zeitung. “Ich gehe längst von einer dreistelligen Opferzahl aus.”

Laut Groll lehnen es viele Opfer ab, sich an die vom Jesuitenorden bestellte Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue zu wenden. Sie halten sie für befangen, weil sie vom Jesuitenorden bezahlt wird, berichtet die “Berliner Zeitung”. Mertes sagte, er halte Raue für unabhängig.

Rechnet er mit weiteren Enthüllungen? “Davon müssen wir nach den Erfahrungen der letzten zwei Wochen leider ausgehen. Ich habe das Gefühl, inmitten eines gewaltigen Sturms zu stehen und nur auf Sicht zu navigieren”, so Mertes im Interview mit der “Berliner Zeitung”

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